Die Maschine
Per Petersen wußte nicht wie ihm geschah. Seit Tagen schon fühlte er sich gezwungen die Maschine zu bedienen. Die Maschine bedienen, dachte er, es sei wohl seltsam, daß dieser Ausdruck "eine Maschine bedienen" so zutreffend sei. Die Maschine tat nichts anderes als nach genauen Anweisungen mit Symbolen zu operieren. Und trotzdem verhielt sie sich oft anders als erwartet.
Per hatte eine Theorie entwickelt, eine mathematische Theorie über effektive Verfahren zur Herstellung von Anweisungen einer beliebigen formalen Sprache, die wiederum ein solches Verfahren angeben könnte. Schon lange hatte Per die Idee, daß Mathematik eine Maschine sei, eine formale Universalmaschine. Und man müsse nur eine kritische Menge Mathematik zusammenfügen und sie würde sich selbst betreiben. Er gab seiner anfänglich nur gedachten Maschine körperliche Gestalt und schuf ein Gebilde aus Transistoren und integrierten Schaltkreisen.
Doch die Technik interessiert ihn nicht mehr. Es ist gleichgültig auf welcher physikalischen Basis die abstrakte Struktur einer Maschine beruht, und nur diese interessierte ihn. Sie stellte Welten dar, in denen physikalische Gesetze nichts bedeuten.
Per sitzt vor einem Bildschirm, schreibt mit der Tastatur Worte darauf und wartet auf Reaktionen der Maschine. Längst ist die Faszination der Unvorhersehbarkeit maschineller Reaktionen ein Ersatz für den Umgang mit Menschen geworden. Er sitzt Tag für Tag vor dem Bildschirm, Nur manchmal dringt die wirkliche Welt auf ihn ein; wenn er Hunger hat, Er nimmt diese wirkliche Welt nicht ernst, weshalb er sich schlecht ernährt und sich vernachlässigt, Die Wirklichkeit stört, Wenn die Maschine meldet "ZUWENIG SPEICHERPLATZ", Wenn eine der physikalischen Darstellungen der Maschine nicht funktioniert. Er nennt die Bauteile längst nicht mehr Bauteile; sie sind für ihn nur eine Darstellung der abstrakten Struktur seiner Maschine, die er bis ins einzelne kennt. Doch von der Physik hat er keine Ahnung. Sie ist ihm eine viel zu spezielle Welt, als daß er sich für sie interessieren würde.
Per wurde Opfer seiner überkritischen Mathematik. Seine Maschine, die er faktisch mit Befehlen beherrschte, beherrschte in Wirklichkeit ihn, ohne ungehorsam zu sein,- soweit man das von einer Maschine überhaupt sagen kann. Das geschah durch ein zunächst grobes Modell seiner Psyche, das sich selbst verfeinerte und es der Maschine, richtiger ist es zu sagen, dem seelenlosen Kalkül ermöglichte jede seiner Reaktionen im voraus zu berechnen.
Per wurde zur Maschine. Man entdeckte ihn letzten Januar tot vor seinem Bildschirm. Offenbar hatte er vergessen zu essen. Per's Tod machte Schlagzeilen. Seitdem gibt es nur noch angewandte Mathematik in den Universitäten. Einigen Unverbesserlichen erlaubt man es noch reine Mathematik zu betreiben. Doch sie müssen in unbewohnte Gebiete ziehen und es ist bei Verbannungsstrafe verboten sie anzuhören.
Olaf Swillus, 1983
Donnerstag, 22. Dezember 1983
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